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Fragen, die ein Buchclub wirklich gebrauchen kann
Die meisten Fragenlisten im Netz setzen voraus, dass alle das Buch zu Ende gelesen haben. In einem echten Buchclub ist das fast nie der Fall. Was hier steht, funktioniert auch dann, wenn die Gruppe an verschiedenen Stellen steht.
Wir BuchverliebtenVeröffentlicht am
Gute Gesprächsfragen für einen Buchclub fragen nach dem Erleben und nicht nach dem Inhalt. Sie lassen sich beantworten, ohne zu verraten, was passiert, und sie funktionieren bei jedem Buch. Drei Arten tragen ein ganzes Treffen: eine Einstiegsfrage an alle, mehrere Fragen zum verabredeten Abschnitt, und eine Frage zum Schluss, die niemanden zwingt, ein Urteil abzugeben.
Warum die üblichen Fragenlisten nicht funktionieren
Fragenlisten zu einzelnen Büchern gibt es überall, meist vom Verlag. Sie sind für einen Zustand geschrieben, den es beim Treffen selten gibt: alle sind fertig, alle erinnern sich an dieselben Stellen, und niemand stört sich daran, dass die dritte Frage bereits das Ende nennt.
In der Wirklichkeit sitzt am Tisch jemand, der noch mitten im verabredeten Abschnitt steckt. Eine Frage, die weiter greift als dieser Abschnitt, nimmt dieser Person das Buch weg. Sie kann danach zwar weiterlesen, aber nicht mehr entdecken.
Drei Eigenschaften machen eine Frage für einen Buchclub brauchbar, unabhängig davon, welches Buch gelesen wird:
- Sie lässt sich beantworten, ohne zu verraten, was passiert.
- Sie hat keine richtige Antwort, sonst wird das Gespräch zur Prüfung.
- Sie funktioniert auch bei jemandem, der den Abschnitt gerade erst begonnen hat.
Eine Frage, die nur beantworten kann, wer fertig ist, ist keine Gesprächsfrage, sondern eine Abfrage.
Die Frage, mit der ein Treffen anfängt
Der Anfang entscheidet, ob alle reden oder zwei. Eine Einstiegsfrage gehört deshalb so gestellt, dass jede Person sie beantworten kann, ohne sich vorbereitet zu haben, und dass die Antwort kurz sein darf.
Diese Fragen tragen einen Einstieg und brauchen keine Vorbereitung:
- An welcher Stelle hast du zuletzt aufgehört zu lesen, weil du müde warst, und an welcher, weil du nachdenken musstest?
- Wenn du das Buch gerade weglegst und jemand fragt dich, wie es ist: was antwortest du in einem Satz?
- Hat sich dein Bild von einer Figur seit dem letzten Treffen verändert, und wodurch?
- Gab es eine Stelle, die du zweimal gelesen hast?
- Liest du dieses Buch schneller oder langsamer als sonst, und woran liegt das?
Die letzte Frage ist die unauffälligste und oft die ergiebigste. Wer sagt, er lese langsamer als sonst, sagt damit etwas über das Buch und gibt zugleich allen anderen die Erlaubnis, ebenfalls langsam zu sein.
Fragen zum verabredeten Abschnitt
Das ist der Hauptteil. Diese Fragen setzen voraus, dass alle den verabredeten Abschnitt gelesen haben, und sie greifen ausdrücklich nicht darüber hinaus. Wer sie stellt, sagt den Abschnitt vorher laut dazu.
Fragen, die im Abschnitt bleiben und trotzdem in die Tiefe gehen:
- Welche Figur würdest du nach diesem Abschnitt anders beschreiben als vorher?
- Welche Entscheidung einer Figur hättest du nicht so getroffen, und was hätte dich abgehalten?
- Gibt es etwas, das erzählt wird, obwohl es für die Handlung nicht nötig wäre? Warum steht es dann da?
- An welcher Stelle hat das Buch dich mögen lassen, was du eigentlich ablehnst?
- Was wird in diesem Abschnitt ausgespart, und merkst du das beim Lesen oder erst jetzt?
- Wenn du eine Seite aus diesem Abschnitt jemandem vorlesen müsstest, welche wäre es?
Die vorletzte Frage ist die schwierigste und lohnt sich am meisten. Was ein Buch weglässt, fällt beim Lesen selten auf und im Gespräch fast immer, sobald jemand danach fragt.
Wer eine Frage stellt, nennt den Abschnitt dazu. Sonst weiss niemand, wie weit er antworten darf.
Wenn das Gespräch stockt
Stille im Buchclub ist meistens kein Desinteresse, sondern Unsicherheit darüber, wie viel man sagen darf. Die Fragen, die dann helfen, drehen sich weg vom Buch und hin zum Lesen.
Diese Fragen bringen ein festgefahrenes Gespräch wieder in Bewegung:
- Wo liest du dieses Buch, und passt der Ort dazu?
- Erinnert dich das Buch an ein anderes, das du gelesen hast?
- Würdest du es jemandem schenken, und wem nicht?
- Wenn du das Buch abbrechen wolltest: an welcher Stelle wäre das gewesen?
- Was müsste im nächsten Abschnitt passieren, damit du enttäuscht wärst?
Die letzte Frage ist heikel und deshalb gut: sie lädt dazu ein, eine Erwartung auszusprechen, ohne etwas zu verraten. Was jemand befürchtet, sagt mehr über seine Lesart als jede Zusammenfassung.
Fragen, die man besser nicht stellt
Vier Fragen tauchen in fast jeder Liste auf und schaden mehr, als sie nützen:
- "Wie fandet ihr das Ende?" Sie schliesst jeden aus, der noch nicht dort ist, und sie tut es im ersten Nebensatz.
- "Was wollte die Autorin damit sagen?" Sie unterstellt eine richtige Antwort und macht aus dem Gespräch eine Deutungsprüfung.
- "Hat es euch gefallen?" Sie lässt sich mit einem Wort beantworten, und danach ist es still.
- "Wer hat schon zu Ende gelesen?" Sie sortiert die Gruppe in schnell und langsam, und die langsame Hälfte sagt danach weniger.
Die letzte ist die unauffälligste. Sie klingt organisatorisch und ist eine Wertung: wer zugibt, noch nicht so weit zu sein, hat das Gefühl, sich zu entschuldigen. Ein Buchclub, in dem das passiert, verliert nicht die Menschen, die langsam lesen, sondern ihre Beiträge.
Jede Frage, die nach dem Ende fragt, ist eine Frage an die Hälfte der Gruppe.
Wenn die Gruppe an verschiedenen Stellen steht
Das ist der Normalfall und kein Problem, solange die Gruppe es benennt. Zwei Gewohnheiten reichen: der Abschnitt wird vor dem Treffen verabredet, und wer weiter ist, sagt nichts über das, was danach kommt.
Der Abschnitt wird nach Kapiteln verabredet und nie nach Seiten. Taschenbuch, gebundene Ausgabe, E-Book und Hörbuch zählen dieselbe Geschichte unterschiedlich, und eine Seitenangabe bedeutet für jede Person am Tisch etwas anderes.
Bei Wir Buchverliebten übernimmt das die Software: Anmerkungen werden nach Leseposition zugestellt statt nach Zeit. Was jemand zu einem Kapitel schreibt, sehen die anderen erst, wenn sie selbst dort angekommen sind. Die Frage "wie weit darf ich antworten" stellt sich damit nicht mehr, weil sie schon beantwortet ist.
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